Die Genusswoche
Vom 17. bis 27. September 2020

Rede von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga

Bern, 16. September 2020

Eröffnungsgala der Schweizer Genusswoche

Die Bundespräsidentin und ihre Kalbsbäggli

Geschätzte Genuss-Freunde und Genuss-Freundinnen

Ich habe einer Zeitung in dieser Corona-Zeit einmal einen schwierigen Tag für uns Bundesrätinnen und Bundesräte geschildert, habe detailliert erklärt, was wir an diesem Tag überlegt und getan haben. Der Titel des Artikels lautete dann «Geschmorte Kalbsbäggli».

Nicht unsere komplizierten Abklärungen und Erwägungen schafften es in den Titel, sondern unser einfaches, währschaftes Abendessen.

Das ist dem Journalisten nicht zu verübeln. Viele haben in den letzten Monaten den Luxus des Einfachen wiederentdeckt. Auch Bio erlebte einen Boom.

Wir haben selber Tomaten gezogen oder das Einkaufskörbli auf das Velo geklemmt und sind zum nächsten Hofladen gefahren. Wir haben Fleisch aus der anonymen Grosschlachterei gemieden und dafür den Sonntagsbraten beim Dorfmetzger bestellt. Und unser Zmittag haben wir nicht aus dem Plastik gepackt und mit den Fingern gegessen, sondern haben daheim am Tisch Selbstgekochtes genossen.

Wir sind wieder auf den Geschmack gekommen: Ist das Essen gesund und gut, tut das uns gut. Es ist uns bewusster geworden, was es für einen Wert hat, bewusst zu leben.

Es ist uns auch bewusst geworden, dass es nicht selbstverständlich ist, so wie heute vor einem leeren Teller sitzen zu können und zu wissen, dass er sich bald wie von allein mit Gutem füllt.

Die Köchinnen, Restaurantleiter und all die Fleissigen im Service – sie konnten wochenlang nicht zur Arbeit gehen. Sie hatten wegen der Corona-Massnahmen besonders zu «beissen». Noch heute arbeiten sie unter erschwerten Bedingungen.

Unsere Besuche im Restaurant geben ihnen wieder eine Perspektive. Und sie haben uns gefehlt, diese Besuche: Die Gastfreundschaft, umsorgt zu werden, das gemütliche Beisammensein. Darum sage ich denen, die heute hier sind stellvertretend für alle: Merci dafür, dass Sie für uns da sind.

Ja, und da waren dann eben diese Kalbsbäggli.

Nach der Publikation des Artikels erhielten unser Generalsekretariat erstaunte Fragen: Isst die Bundespräsidentin das wirklich?

Ja, das tut sie. Auch eine linke Frau mit viel Sinn für Umwelt- und Tierschutz isst gerne etwas Rechtes. Nicht nur ein Salatblatt mit einem gedünsteten Nichts oder eine gutes Tröpfchen Randensaft mit einem Hauch warmer Luft. Solch spartanische Mahlzeiten wollte man mir kürzlich drei Tage lang servieren. Ich habe refüsiert. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint – an mir ist «Food» nicht «wasted». Ich esse gerne Gutes, liebevoll Zubereitetes, mit viel Geschmack. Zum Beispiel vom Bäcker im Quartier, sie wissen, der mit dem Altamura-Brot.

Nach meiner Neujahrsansprache haben wir Briefe von dankbaren Bäckerinnen und Bäckern aus Frankreich und Österreich erhalten und Gebäck aus der ganzen Schweiz.

Es ist mir wichtig, dass gute Arbeit und Qualität wertgeschätzt wird. Es ist mir auch wichtig, dass Nahrungsmittel gesund sind, dass Tiere lebenswerte Bedingungen haben und nicht nur wegen ihrem Filet sterben. Es ist mir wichtig, dass wir nicht hier im Übermass leben und Menschen in anderen Weltregionen hungern. Es ist mir wichtig, dass die Städte nicht mit Plastikverpackungen zugemüllt werden und sorgfältig hergestellte Lebensmittel einfach im Abfall landen.

Wenn sie mich abends mit einer dicken Tasche im Bus sehen, ist das nicht unbedingt wegen der vielen Akten. Manchmal steckt einfach ein Tupper drin mit den Resten vom Mittag die ich zum Znacht wärme oder zu einer Suppe verwandle.

 

J’ai parlé seulement en allemand jusqu’ici.

Ce n’est pas que j’ai oublié les francophones… non, pas du tout ! Mais depuis que j’ai pris la parole, je me demande comment on dit «geschmorte Kalbsbäggli» en français !!! Et je crois bien avoir trouvé… est-ce que ce ne serait pas :  joue de veau braisée ?!

Finalement, peu importe comme on le dit, un bon plat n’a pas besoin de traduction.

Mesdames et Messieurs,

La semaine du goût célèbre ses 20 ans et je vous apporte les vœux du Conseil fédéral pour cet anniversaire tout rond. Depuis 20 ans, vous vous engagez pour la diversité des goûts et des cultures alimentaires de notre pays, pour le savoir-faire artisanal et pour le plaisir gustatif. Je suis persuadée que la dynamique actuelle va faire progresser ces valeurs.

Seit 20 Jahren setzen Sie sich ein für einen vernünftigen Umgang mit Nahrungsmitteln, für Vielfalt und echten Genuss. Ich bin sicher: jetzt erleben wir ein Momentum, um genau das voranzutreiben.

 

Es ist das Jahr der anderen, neuen Erfahrungen. Das Jahr der Rückbesinnung auf das Echte, das Gesunde für Mensch, Tier und Umwelt, auf das Gute von hier.

Es ist das Jahr der geschmorten Kalbsbäggli.